lektion1

19
Okt
2008

Sind Sie sicher?

die dame am nachbartisch nimmt einen schluck von ihrem kaffee. sie blättert ihre zeitung um, reckt den kopf nach oben, um eine überschrift zu lesen und dabei noch mit den augen den unteren winkel ihrer lesebrille zu erwischen und murmelt mir leise etwas über ihren zeitungsrand zu: sind sie sicher, daß sie sich am richtigen ort befinden? wissen sie denn nicht, was dekadent bedeutet?

ich schlage etwas ertappt im fremdwörterbuch nach, das ich unter den anderen büchern versteckt hatte. sicher hatte ich ein wages gefühl zu diesem wort, mir war zumindest klar, was eine dekade und eine kadenz sind, etwas zehnteiliges und eine art schlußakkord oder abschluß eines musikstückes, in dem solistisch noch einmal so richtig brilliert werden kann. so richtig greifen ließ sich dekadent in meinem kopf allerdings nicht. mein bauch sagte mir, es müsse etwas sein, das mit dem luxus und einem feiern eines zuviel einhergeht, dem sich ergehen in sphären, in die nicht alle einlaß bekamen und einer gruppe, die unter sich sein wollte. im prinzip verband ich damit ausschluss und brokatsessel, temporär, es sich mal so richtig gut gehen zu lassen, zusammen mit anderen. ich wollte nun endlich einmal teilhaben, an diesen sphären und auch andere mit hinzunehmen, kurz träumen, wie das wäre.

was ich nun las, ließ mich erröten und war mir sehr peinlich, bereitete mir pein, also schmerzte mich: dekadent: (lat.-mlat): infolge kultureller überfeinerung entartet u. ohne kraft od. widerstandsfähigkeit. dekadenz die; verfall entartung, sittlicher und kultureller niedergang.

das hatte ich doch nicht gemeint. doch nicht verfall, sittlicher und kultureller niedergang, im gegenteil!
allein dieses wort: entartet, daß es das noch gibt und dann noch in einem modernen deutschen duden fremdwörterbuch. grauenvoll. damit hatte ich die autorinnen und autoren der vor mir liegenden bücher, sowie die noch nicht einmal anwesenden gäste und mich selbst schon beschimpft, bevor die karaffe mit wasser auf unseren tisch gestellt werden konnte. ich haßte dieses gefühl, immerfort in die unangenehmsten fallen zu tappen auf grund von unbedachtheit. was war es denn? dummheit, beschränktheit oder einfach gefährliche oberflächlichkeit?

die dame am nachbartisch bestellt ein stück kuchen
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